Farrow & Ball wird 2026 achtzig Jahre alt. Ein rundes Firmenjubiläum ist normalerweise ein Fall für die Festschrift: Zeitleiste, Meilensteine, Grußwort. Wie gesagt, normalerweise. Wir gratulieren so, wie es zum Jubilar passt, denn Farrow & Ball war nie ein gewöhnliches Unternehmen, vielmehr zeugt die Geschichte von jener Sturheit, die wir Deutschen den Briten so gerne nachsagen und insgeheim bewundern: Immer wieder widersetzte sich dieses Haus dem, was der Markt gerade für vernünftig hielt, und jedes Mal wurde genau daraus seine Stärke.

Die Gründung von Farrow & Ball 1946 in Dorset

Wie fast überall in Europa herrschte auch in England nach dem Krieg der pure Mangel: Rohstoffe und Lebensmittel wurden rationiert, an allen Ecken und Enden fehlte Material. Mitten in diese mageren Jahre hinein gründeten zwei Männer in Dorset eine Farbenfabrik. Ihre Geschäftsidee: Farben nach eigenen Rezepturen, aus den besten Rohstoffen, die aufzutreiben waren. Im Jahr 1946 grenzte das an Übermut: War doch Sparen das Gebot der Stunde, dabei wagten die beiden genau das Gegenteil.

Die beiden? Das waren der Industriechemiker John Farrow und der Ingenieur Richard – Überraschung – Ball. Farrow hatte den Krieg in der Farbenproduktion verbracht und wusste, wie gute Farbe gemacht wird. Ball hatte ihn in Kriegsgefangenschaft überstanden und wusste, was Durchhalten heißt. Kennengelernt haben sich die beiden, so heißt es, in einer der Tongruben, von denen die Gegend damals lebte. Erdiger kann eine Firmengeschichte kaum anfangen. Der Grafschaft Dorset ist die Marke bis heute treu geblieben: Das Stammwerk steht in Wimborne, einem Städtchen, dessen Name aufmerksamen Kunden bekannt vorkommen dürfte. Der Ton Wimborne White ist danach benannt, und vermutlich kennen heute mehr Menschen den Farbton als den Ort.

Historischer Lieferwagen von Farrow & Ball Ltd. mit der Aufschrift Makers of Preference Paints, Manor Works Verwood in Dorset

Die Farbe von Farrow & Ball musste anfangs halten, nicht gefallen

Heute kaum zu glauben: Farrow and Ball begann als Zulieferer für Fahrzeuge und Maschinen. Solche Auftraggeber blättern nicht in bunten Farbkarten, sie erwarten Qualität: Farbe, die hält, deckt und Lieferung für Lieferung gleich bleibt. Für Farrow & Ball schien das kein Problem zu sein, sonst hießen die ersten Kunden nicht Ford Motor Company und Kriegsministerium Seiner Majestät.

Die teuren Rohstoffe, bei der Gründung noch Übermut, sind auf einmal das Verkaufsargument geworden. Denn Farbtontreue ist in der Farbenherstellung die eigentliche Königsdisziplin, jede Charge muss der letzten gleichen. Aus diesen Jahren stammt die Ernsthaftigkeit, die die Marke bis heute auszeichnet, auch wenn die Bestellungen inzwischen eher aus Altbauwohnungen kommen als aus Amtsstuben.

Die Sturheit von Farrow & Ball wird auf die Probe gestellt

Ende der 1960er Jahre verkauften die beiden Gründer ihr Unternehmen an Norman Chappell, dessen Name als Chappell Green im Farbarchiv der Marke weiterlebt. Wenig später veränderte sich die Branche von Grund auf: Acrylfarben kamen in Mode, immer mehr Kunststoff, immer weniger Pigment, dafür günstigere Produktion. Ein Hersteller nach dem anderen stellte um. Sie ahnen es: alle außer Farrow & Ball.

Die Marke blieb bei ihren ursprünglichen Rezepturen und Rohstoffen. In Dorset mischten sie ihre größtenteils natürlichen Pigmente weiter mit gereinigtem Leinöl, während anderswo die Farben immer greller und immer billiger wurden. Betriebswirtschaftlich war das blanker Wahnsinn, jeder Berater hätte abgeraten. Zwei Jahrzehnte lang blieb Farrow & Ball eine kleine und feine Fabrik auf dem Land, weit weg von den Moden der Branche. Die Farbtiefe, für die Farrow & Ball heute bekannt ist, ist Ergebnis genau dieser Sturheit. Was damals wie ein Wettbewerbsnachteil aussah, wurde langsam zum Alleinstellungsmerkmal. Zum Glück.

Farrow & Ball trifft auf den Geschmack der Zeit

In den frühen 1990er Jahren tauchte ein Name auf, der alles verändern sollte: Tom Helme, der neue Mitbesitzer. Helme war Spezialist für historische Farben und Interieurs. Er hatte jahrelang Häuser mit langer Geschichte ausgestattet und kannte die Töne, in denen ihre Wände einst gestrichen waren. Eines war sicher, ein Liebhaber klassischer Interieurs übernimmt keine Farbenfabrik, um Moden hinterherzulaufen. Die erste Farbkarte unter Helme umfasste 50 Farbtöne, die Inspiration lieferten eben diese Häuser.

Vergangenheit als Geschäftsmodell: Auf so etwas kommt nur eine sehr englische Firma. Und der Zeitpunkt hätte kaum besser sein können. Nach Jahrzehnten des Verfalls wurden in England damals viele der alten Landsitze restauriert. Restauratoren und Denkmalpfleger standen vor abgeblätterten Wänden und suchten Töne, die es im Handel längst nicht mehr gab. Allen voran der National Trust, der rund 200 historische Häuser und Gärten unter seine Obhut genommen hat. Die Stiftung restauriert bis ins letzte Detail, konsequenterweise kamen die Farben dafür aus Wimborne. So fanden die Töne von Farrow & Ball zurück in die Welt, aus der sie eigentlich stammten.

Eines dieser Herrenhäuser schenkte Farrow & Ball sogar einen eigenen Farbton. Das St Giles House, Stammsitz der Lords Shaftesbury, liegt eine halbe Autostunde von Wimborne entfernt. Jahrzehntelang stand das Haus leer, ehe der junge Earl begann, es Raum für Raum zurückzuerobern, die Fachleute von Farrow & Ball begleiteten die Arbeiten. Im Treppenhaus stießen sie auf einen blauen Tapetenrest, dessen Ton sie nicht mehr losließ. Er wurde Teil des Sortiments, bekam den naheliegenden Namen St Giles Blue, und die Farbkarte war um eine Geschichte reicher.

Womit wir bei einer weiteren Eigenheit wären, den Namen. Andere Hersteller nennen ihre Töne, wie sie aussehen, Sandbeige oder Altweiß. Bei Farrow & Ball sehen Sie die Farbe und verstehen dann den Namen, gefolgt von einem Schmunzeln. Elephant's Breath, der Atem des Elefanten. Mouse's Back, der Rücken der Maus. Sulking Room Pink, das Rosa des Schmollzimmers, benannt nach dem Raum, in den sich eine französische Marquise nach dem Streit mit ihrem Gatten zurückzog. Solche Namen bleiben hängen, meistens. Falls es dann doch mal schnell gehen muss: Jeder Ton hat auch eine Nummer, St Giles Blue etwa die 280, wenn auch inzwischen im Archiv. Nur erzählt die eben nichts.

Farrow & Ball zieht hinaus in die Welt

Paint & Paper, so steht es im Emblem der Marke. Was viele nicht wissen: Das Papier ließ ein halbes Jahrhundert auf sich warten. Erst 1995 fing Farrow & Ball mit der Produktion von Tapeten an, und wie immer etwas umständlicher als nötig: Die Grundfarbe wird mit dem Pinsel aufgetragen, das Muster mit handgeschnitzten Stempeln oder Walzen gedruckt, je nach Design. Heute gibt es rund sechzig Muster, jedes in mehreren Farbstellungen: Blumen und Ranken, Streifen und Damast, ganze Dorfszenen, viele nach historischen Vorlagen aus englischen Häusern. In Deutschland hingegen hat die Tapete einen schweren Stand. Verantwortlich ist Hugo Erfurt, ein Apotheker aus Wuppertal, der 1864 Holzfasern in Papier rührte und damit Schaufenster dekorieren wollte. Was daraus wurde, kennt jeder, der schon einmal eine Mietwohnung übernommen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auch beim Vertrieb ging die Firma ihren eigenen Weg: Sie wollte sich nicht mehr allein auf den Fachhandel verlassen (Autsch, Anmerkung der Redaktion) und eröffnete 1996 in London den ersten eigenen Showroom, wie es sonst Modehäuser tun. Auf den einen Laden folgten Showrooms in aller Welt, fünf davon in Deutschland. Aber auch der schönste Store kann nicht zeigen, wie eine Farbe im Licht beim Kunden zu Hause wirkt. Also kommen die Farbberater der Marke bis heute persönlich vorbei, zur Colour Consultation, wie das auf der Insel vornehm heißt.

Spätestens jetzt ist Farrow & Ball eine Marke mit großer Strahlkraft, und wie es sich für so eine Marke gehört, werden die ersten Kollaborationen geschmiedet. Bei der ersten Zusammenarbeit ließ das Natural History Museum in London die Kreativchefin an das Buch, mit dem einst Charles Darwin seine Funde beschrieben hatte, ein Farbverzeichnis der Natur von 1814. Sie blätterte durch die alten Naturfarben und suchte die schönsten Töne für die Kollektion "Colour by Nature" aus. Die damaligen Namen gefielen ihr so gut, dass sie diese gleich mit übernahm: Lake Red zum Beispiel, oder Broccoli Brown.

Farrow & Ball California Collection von Kelly Wearstler: Wand in Faded Terracotta, Nische in Light Sand

Bisher hatte Farrow & Ball die Farben selbst entworfen, für die "California Collection" holte sich die Firma erstmals Verstärkung: Kelly Wearstler. Die Innenarchitektin aus Los Angeles kam dafür eigens nach Dorset, mit Bildern und Inspirationen des Golden State im Gepäck: dem Küstennebel des Pazifiks, dem Terrakotta sonnengebrannter Blumentöpfe, sogar dem Asphalt der flirrenden Freeways. Acht lässige Farben kamen dabei heraus, darunter Salt und Sand, Palm und Citrona. Wenig später lud Farrow & Ball einen Modedesigner ein: Christopher John Rogers, der unter anderem Michelle Obama einkleidet. Für seine Kollektion "Carte Blanche" ließ er sich von seiner Kindheit in Louisiana inspirieren, und die Töne erzählen davon: Raw Tomatillo, ein unreifes Grün, das an die gebratenen grünen Tomaten seiner Großmutter erinnert, dazu Sardine, das silbrige Blau der Fische, die sein Großvater so gerne aß. Und weil seine Mode von Streifen, Punkten und Farbflächen lebt, entstanden mit ihm die ersten Tapeten aus einer Kollaboration.

Von Designer-Tapeten zur Kunst ist es nicht weit, wie sich im Museum of Modern Art in New York zeigt. Dort stehen Tag für Tag Besucher aus aller Welt vor Van Goghs Sternennacht, die Wand dahinter nimmt das Publikum nur unbewusst wahr. Und genau so ist es gedacht: Die Kuratoren wählten für diesen Saal Elephant's Breath, ein warmes Grau, das gegen Van Goghs wirbelnde Farben besteht, ohne sie zu stören. Ein paar Säle weiter hängen Dalís zerfließende Uhren vor Sulking Room Pink, dem Rosa aus dem Schmollzimmer der Marquise. Bei Ihrem nächsten Besuch im Museum können Sie ja mal schauen, ob die Farbe hinter der Kunst von Farrow & Ball ist.

Aufgefallen ist das längst auch denen, die beruflich auf Wände schauen. Oliver Jahn, damals Chefredakteur der Architectural Digest, fasste 2016 zusammen, was die Marke ausmacht: Handwerkskunst, gute Geschichten und Namen, „die fast schon Gedichte sind". Besser könnten wir es auch nicht sagen.

Farrow & Ball Farben werden angemischt, Nahaufnahme von Pigmenten in Blau, Violett und Gelb

Und heute? Farrow & Ball im achtzigsten Jahr

Farbe herstellen heißt in der Fabrik von Farrow & Ball noch immer, dass Menschen die Töne freigeben, bevor sie in die Dose kommen. An den Rezepturen hat sich einiges geändert, am Prinzip nichts: viel Pigment, wenig Beiwerk. Merken werden Sie das, wenn Sie Jahre später im selben Ton streichen und kein Unterschied zu sehen ist. Es ist dieselbe Farbtontreue, die Ford und das damalige Verteidigungsministerium einst schätzten.

Welche Töne die aktuelle Farbpalette umfasst, entscheidet Joa Studholme, die Farbkuratorin von Farrow & Ball. Sie findet neue Töne in alltäglichen Dingen, zuletzt in einem profanen Staubtuch oder einem Pflanzholz aus dem Garten. Was sie findet, muss sich seinen Platz erst verdienen. Denn traditionell bleibt die Zahl der Töne begrenzt, aktuell sind es 144. Das heißt: Kommt ein Ton dazu, wandert ein anderer ins Archiv. Verschwunden ist der Ton damit allerdings noch lange nicht, Farrow & Ball hebt die Rezeptur jeder Farbe auf, die je hergestellt wurde, und mischt Töne aus dem Archiv auf Anfrage weiterhin an.

Bewahren heißt bei Farrow & Ball allerdings nicht, alles beim Alten zu lassen. 2010 stellte die Firma als erster Hersteller überhaupt die gesamte Produktion auf wasserbasierte Farben um. Auch das Sortiment wurde weiterentwickelt. Denn in der Küche wird eine Wand anders beansprucht als etwa im Schlafzimmer. Also gibt es die Farben in verschiedenen Ausführungen für verschiedene Bedürfnisse und Anwendungsgebiete. Sie unterscheiden sich im Glanzgrad, von ultramatt bis hochglänzend, und darin, wie strapazierfähig sie sind. Der Klassiker ist Estate Emulsion, matt und kreidig. Speziell für den Einsatz in Feuchträumen stellte Farrow & Ball die Modern Emulsion vor, die Feuchtigkeit verträgt und sich abwischen lässt. Noch beliebter ist inzwischen Dead Flat, tiefmatt und dabei so pflegeleicht, dass es sich für Kinderzimmer anbietet, auf Wänden ebenso wie auf Holz und Metall.

Aus der Praxis wissen wir, dass die Auswahl an Farben und Emulsionen zunächst erschlagend wirkt. Dabei ist fast jeder Farbton, in den Sie sich verliebt haben, in jeder Emulsion zu haben, je nach Wunsch und Anwendungsbereich. In unserer Übersicht steht, welche Emulsion für welchen Raum taugt, und selbstverständlich helfen wir gerne bei der Entscheidung.

Farrow & Ball bei Pinkwasser in Bochum

Diese Geschichte beginnt in einer Tongrube in Dorset. Geschrieben haben wir sie in einer alten Bergbaustadt an der Ruhr. Klingt nach Zufall, ist vielleicht keiner: Beide Gegenden haben aus dem Boden geholt, was sie groß gemacht hat, und beide gelten als angenehm dickköpfig. Bei uns in Bochum steht das Ergebnis dieser achtzig Jahre im Regal: die aktuelle Farrow & Ball Farbpalette mit 144 Tönen. Ja, auch zum Streichen von Raufaser.

Sollten Sie diese Geschichte zum Anlass nehmen, ein Zimmer neu streichen zu wollen, beginnen Sie wie immer im Kleinen: mit einer Musterdose Ihres Favoriten und einem Karton, den Sie damit streichen und an die Wand oder Decke halten können, in Ruhe und bei jedem Licht. Bei der Wahl aus achtzig Jahren Farbgeschichte helfen wir Ihnen gerne, telefonisch oder mit einer Farbberatung bei Ihnen zu Hause. Und falls Ihnen jemand erklärt, an satten oder dunklen Farben sehe man sich so schnell leid: Bleiben Sie stur. Das hat Tradition, in Dorset wie an der Ruhr. Cheers, und auf die nächsten achtzig Jahre.

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