Das berühmteste Gemälde der Welt hängt nicht im Louvre, sondern an einer Decke. Michelangelo brauchte vier Jahre dafür, Millionen legen bis heute in der Sixtinischen Kapelle den Kopf in den Nacken. Und wir? Wir streichen die Fläche über unseren Köpfen weiß und schauen nie wieder hin. Vielleicht muss es kein Fresko sein. Aber ein Farbton dürfte es schon sein. Klar, sagen Sie jetzt, Pinkwasser will mehr Farbe verkaufen. Aber lesen Sie gerne weiter, denn in drei Fällen raten wir sogar davon ab.

Was ist die fünfte Wand?

Die Innenarchitektur hat für die Zimmerdecke einen schönen Begriff: die fünfte Wand. Er stellt eine alte Arbeitsteilung in Frage: Die bekannten vier Wände bekommen beim Renovieren alle Aufmerksamkeit, die Fläche darüber bekommt Weiß. Die fünfte Wand macht die Decke zur gleichberechtigten Fläche, gleich sichtbar, gleich streichbar.

Britisches Reihenhaus aus viktorianischer Zeit mit weinroter Haustür, dunkelblau gestrichenem Erker, Schiebefenstern und Stuckornamenten an der Fassade

Britisches Reihenhaus mit gestalteter Fassade: Erker, Stuck und Farbe gehören hier von Anfang an zusammen.

Dieses Verständnis hat in Großbritannien eine lange Tradition. In einem viktorianischen Reihenhaus ist die Decke von Anfang an gestaltet: Stuckleisten fassen die Fläche ein, in der Mitte sitzt eine Rosette. Die Bewohner müssen die Decke nicht entdecken, sie ist Teil der Einrichtung wie der Kamin oder die Dielen. Deutsche Altbauten hatten solche Decken auch, doch die Geschichte verlief anders. Der Krieg zerstörte ganze Straßenzüge, und beim Wiederaufbau ging es ums Dach über dem Kopf, nicht um Ornamente. Gebaut wurde schnell, bezahlbar, praktisch. Und in den Häusern, die den Bomben entgangen waren, verschwand der Stuck später unter Putz und Rauhfaser. So wurde die glatte weiße Decke zur Norm, im Altbau wie im Neubau, und die Frage nach einer farbigen Decke kam schlicht nie auf. Dabei ist gerade die glatte Decke wie gemacht für Farbe: eine Fläche ohne Kante, ohne Unterbrechung, von Wand zu Wand.

Warum Decken traditionell weiß gestrichen werden

Für die weiße Decke gibt es gute Gründe. Der ehrlichste ist die Bequemlichkeit: Weiße Wandfarbe steht in jedem Baumarkt, niemand muss sich einen Farbton merken oder anmischen lassen. Dazu kommt die Humorlosigkeit des Mietvertrags: Bei Rückgabe werden neutrale Farbtöne verlangt, also bleibt es gleich dabei. Und gestrichen werden muss ja irgendwann. Dann lieber in Weiß, da fallen Ansätze und Streifen kaum auf.

So weit die guten Gründe. Über allem aber schwebt die Angst vor Farbe, und die verdient einen zweiten Blick. Diese Angst ist das größte Thema in jeder Farbberatung. Wie oft haben wir gehört: "An dieser Farbe sieht man sich doch sicher schnell satt." Ein erstaunlicher Einwand, wenn man bedenkt, wer ihn vorbringt: Menschen, die tagein, tagaus unter derselben weißen Decke wohnen und sich kein einziges Mal sattgesehen haben. Oder eben doch, nur ist es beim Weiß nie aufgefallen. Die Vorsicht dahinter ist trotzdem verständlich, zur Probe streichen Sie ja keine ganze Decke. Ein gestrichener Karton an der Decke genügt. Schauen Sie ein paar Tage hin, morgens und abends, und die Entscheidung fällt von selbst.

Haus Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung Stuttgart, weiße Fassade mit rostroten und grauen Wandflächen und blauen Stahlstützen, heute Weissenhofmuseum
Ikone der weißen Moderne, mit Farbe: Le Corbusiers Doppelhaus in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung.

Und dann ist da noch der Grund, der sich nur gut anhört: das Bauhaus. Die Schule, nicht der Baumarkt. Genauer gesagt: das, was wir daraus abgeleitet haben. Weiße Kuben, glatte Strenge, Farbe als Sünde wider die Form: So wird das Bauhaus seit Jahrzehnten verstanden. Doch bei den Restaurierungen der Bauhaus-Gebäude kam mehr Farbe zum Vorschein als erwartet, außen wie innen. Weiß sollten die Fassaden sein, darauf bestand Gropius schon beim Bau, aber selbst dieses Weiß war nie das strahlende der Legende. Die Untersuchungen des Restaurators Ivo Hammer an Bauten des Neuen Bauens fanden am Ateliergebäude in Dessau einen gelblichweißen Originalanstrich, und an Le Corbusiers Häusern sogar verschiedene Farbtöne. In den Wohnräumen fiel das weiße Dogma dann ganz: Die Restaurierung der Meisterhäuser von Klee und Kandinsky legte über 100 Farbtöne frei, an Wänden und an Decken. Das Missverständnis: Wir haben das Weiß der Fassaden nach innen geholt. Die Bauhäusler selbst wohnten anders, draußen Zurückhaltung, drinnen Farbe bis unter die Decke.

Was sich dagegen weder missverstehen noch wegdiskutieren lässt: das Licht. Eine weiße Decke gibt einen großen Teil des Lichts an den Raum weiter, eine dunkle schluckt ihn. Wie sehr das auffällt, hängt von den Fenstern ab: Bei viel Tageslicht kaum, in ohnehin dunklen Räumen deutlich. Präzise beziffert hat das natürlich längst jemand, denn Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es fürs Licht von oben keine Vorschrift gäbe. Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.4 empfiehlt für Decken am Arbeitsplatz Reflexionsgrade von 0,7 bis 0,9, übersetzt in Farbe: die Spanne von Weiß bis Hellgrau. Zu Hause dürfen Sie zum Glück streichen, was Sie wollen. Als Orientierung taugen die Werte trotzdem, und für dunkle Decken heißt das: Die Beleuchtung gehört von Anfang an in die Planung. Indirektes Licht, das die Decke anstrahlt, verliert bei dunklen Tönen einen Großteil seiner Wirkung. Direkte Lichtquellen funktionieren weiter, Wandleuchten allerdings nur, solange auch die Wände das Licht nicht schlucken.

Heller, gleicher, dunkler: Welcher Ton passt an die Decke?

Die eine Antwort gibt es nicht, aber eine ehrliche Frage: Was soll der Raum mit Ihnen machen? Je nachdem, wie Ihre Antwort ausfällt, führt ein anderer Weg zum Ziel, und die kennen wir aus vielen Beratungen. Wir zeigen sie Ihnen der Reihe nach.

Wohnzimmer mit Stone Blue No. 86 von Farrow and Ball. Sattes historisches Blau an den Wänden.
Stone Blue bis über die Decke: Wenn die fünfte Wand mitspielt, wird der Raum ein anderer.

Wenn der Raum zur Ruhe kommen soll

Manche Räume haben zu viele Ecken und Kanten: Dachschrägen, Vorsprünge, Nischen. Das Auge findet keinen Halt, der Raum wirkt unruhig. In diesen Fällen lohnt es sich, alle Wände und die Decke in derselben Farbe zu streichen. Die Übergänge verlieren ihre Bedeutung, der Raum wird zu einer ruhigen Hülle. Unter der Dachschräge zeigt sich das am deutlichsten: Wo die Wand aufhört und die Decke anfängt, war dort nie zu sagen, die durchgehende Farbe beendet die Diskussion. Die Hülle selbst darf tiefgrün sein oder zartrosa, hell oder dunkel.

Wenn die Höhe des Raumes bleiben soll

Helle Decken lassen Räume höher wirken, das ist der älteste Grund für das Deckenweiß. Die Wirkung braucht aber kein reines Weiß, hell genug reicht. Ein aufgehellter Verwandter des Wandtons hält die Höhe und nimmt dem Übergang die Härte. Farrow and Ball legt seine Farben dafür in Familien an, deren Töne über die gleiche Pigmentmischung zusammenhängen. Wer den Raum betritt, bemerkt zuerst nichts, nur dass alles zusammengehört.

Wenn der Raum sich um Sie schließen soll

Es geht auch andersherum: Die Decke wird die dunkelste Fläche im Raum. Dunkle Flächen rücken optisch näher, der Raum wird niedriger und schließt sich um die Anwesenden. Wir kennen die Wirkung aus alten Bars und Bibliotheken: Das Licht konzentriert sich auf Tischhöhe, ein Gespräch klingt sofort vertraulicher. Zu Hause funktioniert das im Esszimmer, im Arbeitszimmer mit Regalen bis zur Decke und in der kleinen Gästetoilette, die ohnehin nie versucht hat, groß zu wirken. Voraussetzung sind Raumhöhe und eine Beleuchtung, die nicht auf die Decke angewiesen ist.

Wenn es doch Weiß sein soll

Nach allem, was hier gegen das automatische Weiß steht, mag es überraschen: Auch Weiß kann der richtige Ton für die Decke sein. Der Weißton macht den Unterschied. Denn ein kaltes Baumarktweiß neben einem warmen Wandton kippt ins Bläuliche und wirkt schmutzig, obwohl es frisch gestrichen ist. Besser fährt, wer beim Weiß auf den Unterton achtet: Aus den weißen Wandfarben von Farrow & Ball lässt sich für jeden Wandton ein passendes finden, das diesen Bruch vermeidet.

Wohnzimmer mit Skimming Stone No. 241 von Farrow and Ball. Steiniges Off-White an den Wänden mit natürlichem Lichteinfall.
Weiß gewählt statt übrig gelassen: Wand, Tür und Decke im selben warmen Unterton.

Wann wir von der farbigen Decke abraten

Am Anfang stand das Versprechen, und hier wird es eingelöst: In drei Fällen verkaufen wir Ihnen lieber keine Farbe. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Erfahrung. Eine Decke, die enttäuscht, fällt Ihnen sprichwörtlich auf den Kopf, und diesen Ärger wünschen wir niemandem.

Wenn das Licht neutral bleiben muss

In manchen Räumen entscheidet das Auge. Im Bad wird geschminkt, am Kleiderschrank geprüft, ob das Kleid zur Jacke passt, am Schreibtisch will man im Videocall gesund aussehen. All das braucht ehrliches Licht. Eine farbige Decke gibt aber jedem Licht im Raum ihren eigenen Ton mit, und schon stimmt das Rouge nicht mehr, das eben noch gepasst hat. In solchen Räumen bleibt die Decke besser bei einem neutralen Weiß.

Wenn der Raum niedrig und dunkel ist

Jede Farbe an der Decke schluckt Licht, denn keine reflektiert so viel wie Weiß. In hellen Räumen mit normaler Höhe fällt das nicht ins Gewicht. In niedrigen Räumen mit wenig Tageslicht dagegen fehlt genau dieses Licht, der Raum wirkt gedrückter und dunkler, als er ist, und je satter der Ton, desto stärker. In dieser Kombination raten wir von der farbigen Decke ab, sie kostet den Raum das, was er am wenigsten hat.

Wenn der Auszug schon absehbar ist

Über die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zur Miete. Für die farbige Decke heißt das: Sie wohnt meistens nur auf Zeit mit. Beim Auszug will der Vermieter sein neutrales Weiß zurück, und dann streichen Sie die schönste Fläche der Wohnung gegen Ihre eigene Überzeugung wieder über. Steht der Umzug also schon absehbar an, heben Sie sich die fünfte Wand besser für die nächste Wohnung auf, Vorfreude hält bekanntlich am längsten. Wer dagegen bleibt, hat keinen Grund zu warten.

Damit ist das Ob geklärt, bleibt das Wie. Wer bis hier gelesen hat und streichen will, findet ab jetzt die praktischen Antworten, vom Untergrund bis zum letzten Anstrich.

Braucht die Decke eine Grundierung?

In den meisten Fällen ja, und an der Decke mehr als anderswo. Denn wo eine Decke ungleich saugt, an nachgebesserten Stellen etwa oder auf frischem Putz, zeichnet sich jeder Unterschied später im Anstrich ab, und das Streiflicht macht jede dieser Stellen sichtbar. Die Grundierung gleicht das aus, erst auf ihr entwickelt der Farbton seine volle Tiefe. Bei starken Farbwechseln ist sie ohnehin Pflicht.

Die passenden Farrow & Ball Grundierungen gibt es in vier auf den Zielton abgestimmten Nuancen. Verzichtbar ist die Grundierung nur bei einer intakten, gleichmäßig gestrichenen Decke und einem ähnlichen neuen Farbton.

Welches Farrow and Ball Finish eignet sich für die Decke?

Für Decken in Wohn- und Schlafräumen eignet sich Estate Emulsion mit 2 Prozent Glanzgrad, weil das kreidige Finish Unebenheiten im Untergrund optisch beruhigt. Dead Flat mit ebenfalls 2 Prozent ist die robustere Alternative und der Bestseller im Sortiment von Farrow & Ball. In Küche und Bad führt der Weg über Modern Emulsion mit 7 Prozent Glanzgrad und schimmelgeschützter Formel.

Der Glanzgrad entscheidet an der Decke stärker über das Ergebnis als an der Wand. Der Grund ist das Licht: An der Wand streift es die Fläche kaum, an der Decke trifft es flach auf, und jede Unebenheit wirft einen Schatten. Je matter das Finish, desto ruhiger bleibt die Fläche. Welcher Glanzgrad zu welcher Fläche passt, zeigt die Übersicht aller Farrow & Ball Finishes mit Glanzgraden und Anwendungsbereichen.

Wie viel Farbe braucht eine Decke?

Steht der Ton fest, bleibt die Frage nach der Menge. Als Faustregel reicht eine 5-Liter-Dose für rund 30 Quadratmeter, die üblichen zwei Anstriche eingerechnet. Genauer geht es mit unserem Mengenrechner: Raummaße eingeben, und er liefert Farbe und Grundierung gleich in den passenden Gebinden. Einen Fall müssen Sie jedoch selbst berücksichtigen: Stark saugende Untergründe wie Rauhfaser oder frischer Putz brauchen bis zu einem Fünftel mehr.

Streiflicht, Ansätze und Trocknung

Auf der Leiter zeigt sich, ob die Planung getragen hat, denn an der Decke arbeitet das Streiflicht gegen jeden Fehler. Das meiste entscheidet die Arbeitsrichtung: Wer an der fensterfernen Seite beginnt und auf das Fenster zuarbeitet, rollt am Ende gegen das Licht. Jede Bahn wird von der Seite angestrahlt, die Ansätze trocknen sichtbar an, und am nächsten Morgen zeichnet die Sonne jede Überlappung nach.

Gerollt wird deshalb immer vom Fenster weg, in derselben Richtung wie das Licht. Bahn an Bahn, und jede neue angesetzt, solange die vorige noch feucht ist. Ein angetrockneter Rand, der überrollt wird, hinterlässt eine sichtbare Doppelschicht, und bei dunklen Tönen deckt das Streiflicht jeden solchen Ansatz auf.

Der zweite Anstrich braucht Geduld: Farrow and Ball nennt zwei Stunden für Estate Emulsion und vier für Modern Emulsion, bei feuchter Luft oder Kälte dauert es länger. Bis der Anstrich seine volle Strapazierfähigkeit erreicht, vergehen danach noch einige Tage, in dieser Zeit lieber nicht wischen. Übrigens: Farrow and Ball verarbeitet sich nur zwischen 10 und 30 Grad, der ungeheizte Wintergarten im Januar muss also warten.

Der aktuelle Farbfächer von Farrow and Ball mit 144 Farben im Überblick

Die Farbwahl: der schönste Teil

Am Ende dieses Artikels steht die vornehmste aller Aufgaben: aus 144 Farrow und Ball Tönen den einen finden, der zu Ihnen und Ihrem Raum passt. Die Erfahrung zeigt, dass Farben an der Decke etwas dunkler wirken als an der Wand, denn sie bekommt weniger Licht ab. Zur Probe müssen Sie deshalb keine Decke streichen. Wir empfehlen, einen großen weißen Karton mit Ihrem Farbfavoriten zu streichen und diesen an die Decke zu kleben, dann sehen Sie den Ton unter echten Bedingungen.

Wenn Sie sich bei der Wahl schwertun, helfen wir Ihnen gerne: Für eine Farbberatung kommen wir zu Ihnen nach Hause, oder wir beraten Sie telefonisch. Außerdem können Sie jeden Ton der aktuellen Farrow & Ball Farbpalette als Musterdose bestellen und so Ihre Favoriten einfach mit einem Karton an der Decke prüfen. Für den Anstrich greifen Sie entweder selbst zur Rolle, ein gut investiertes Wochenende, oder wir empfehlen Ihnen gerne einen Maler aus Ihrer Nähe. Schneller als das Original wird es allemal: Michelangelo stand für seine Decke vier Jahre auf einem Gerüst. Und wer Sie danach besucht, legt den Kopf in den Nacken, ganz von allein – wie in Rom.

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